Andacht im September 2017

Wir sind auf der Suche

Vom verlorenen Groschen (Lukas 15)

 „Oder welche Frau, die zehn Silbergroschen hat und einen davon verliert, zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn findet?
Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte.“ (Lk 15,8.9)

(Die Andacht kann von zwei Sprecherinnen im Wechsel gelesen werden.)

Eine Frau verliert einen Silbergroschen. Vielleicht hat sie es zuerst gar nicht gemerkt, denn sie hat ja noch neun und kommt eigentlich auch erstmal damit zurecht. Wer zählt schon jeden Tag nach, ob sie noch alle Groschen beisammen hat. Die Tage sind gefüllt mit Arbeit und Besorgungen, mit Erledigungen und dem ganz normalen Alltag, der vor 2000 Jahren noch anders aussah, aber die Frau hatte sicher genau so wenig Zeit herum zu sitzen wie wir heute auch. Die Münze mag beim Putzen und Aufräumen in die Ecke gefallen sein hinter eine Truhe oder ein Regal. Auf dem Lehmboden hat man dabei nichts davon gehört. Und wie gesagt, sie fehlt ja nicht direkt, schließlich sind noch neun davon da.

Wir sind zuweilen ratlos, wenn wir die Entwicklung unserer Kirche ansehen: Was ist da unbemerkt im Alltagsgeschäft bei all den Problembewältigungsstrategien, Konferenzen und Diskussionen verloren gegangen? Trotz aller Anstrengungen und all der Liebe, die so viele Menschen einsetzen – die Kirche wird kleiner und verliert an Bedeutung. Es scheint, als ob etwas verloren gegangen ist, etwas sehr Wichtiges, Lebensnotwendiges! Aber was?
Wir haben noch viel, aber es reicht doch nicht. Die Frau im Gleichnis hat einen lebensnotwendigen Groschen verloren, aber ist uns eigentlich schon klar, was WIR verloren haben? Was müssen wir als Kirche wirklich suchen im Jahr des Reformationsjubiläums?   (Kleine Atempause)

Wir müssen das suchen und auch finden, was die Kirche lebendig sein lässt: Vertrauen, Glaube, Hoffnung, das innere Feuer, Selbstlosigkeit und Nächstenliebe, das tiefe Engagement.
All das ist bei vielen Kirchenmitgliedern einer Mentalität gewichen, die fragt: Was habe ich davon? Eigentlich sind wir uns selbst genug! Bei anderen ist das Feuer erloschen im Alltag des „Sich-Kümmerns um so vieles und um so viele“. Und dann ist da so ein Gefühl, dass alles nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist und dass es verpufft in der Gewalt der Welt, in der Boshaftigkeit der Menschen.
Wie aber finden wir das wieder, was uns als Kirche der Reformation strahlen lässt?

Mühsam ist die Suche der Frau, die den Groschen verlor. Sie holt Licht und Besen und fängt an zu kehren. Langsam und sorgfältig, mit gespitzten Ohren. Unter und hinter den Schlafmatten, an der Kochstelle, jede Ritze kehrt der Besen durch. Und dann klimpert es im Dreck: Da muss sie sein! Und sie kniet sich auf den Boden mitten in den Lehmstaub und sucht ihre Münze.
Wie froh ist sie, als sie sie gefunden hat.

Das Suchen der Kirche beginnt mit dem zweifachen Hören: dem Hören auf die biblische Botschaft und dem Hören auf die Sehnsucht des Menschen, unserer eigenen und der anderen. Die Suche geht weiter mit dem Ausmisten von alten Gewohnheiten und von Besitzansprüchen. Wir haben es uns gut eingerichtet, doch Begeisterung und Leidenschaft sind auf der Strecke geblieben. Türen öffnen, durchlüften, entstauben. Und dann das Licht reinlassen und sich mal ehrlich selbst betrachten: Was hat Kirche heute mit dem Leben der Menschen zu tun?
Zwei Dinge wollen die Menschen von der Kirche wissen: „Was ist der Sinn des Lebens?“ Und: „Bist Du als Christ da, wenn ich dich brauche?“ bzw. „Ist die Kirche als Organisation der Nächstenliebe da, wenn ich sie brauche?“
Jesus hat die Liebe Gottes mitten im Alltags-Leben der Menschen verkündet, ihre Sprache gesprochen, ihre Herzen erreicht und er hat sie geheilt. Das ist die Münze, die uns verloren gegangen ist, das ist das Geheimnis einer lebendigen Kirche. Bleibt die Frage, ob wir alle dazu bereit sind, von unserem Glauben zu erzählen und beständig Gutes zu tun. Es geht darum, den Eigennutz hintenan zu stellen und Neid und Habgier zu bekämpfen und sich in die Welt einzumischen, sie besser zu machen!
Und dann haben wir gefunden, was uns und die Kirche lebendig macht. Wie froh werden wir sein, wenn wir uns von unseren erfolgreichen Suchen berichten.

Und wenn die Frau den Groschen gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte. (Dagmar Müller)

(in: Evangelische Frauenhilfe im Rheinland (Hrsg.). Andachten 2017. Reformation - Kraft und Mut zur Erneuerung. 24 Andachten durch das Kirchenjahr)

Gebet

Gott, halte uns den Spiegel vor.
Lass uns darin sehen, was wir glauben und wonach wir uns sehnen.
Lass uns darin sehen, wo wir uns selbst im Weg stehen
statt unseren Glauben fröhlich zu leben und Gutes zu tun.
Ewige, lass die Freude der Großzügigkeit und Nächstenliebe
in unserem Leben Raum einnehmen.
Schenk uns die richtigen Worte, um andere zu trösten und
für eine bessere Welt einzustehen.
Amen.

Liedvorschlag

Such, wer da will, ein ander Ziel (eg 346)