Andacht im Juli 2017

Ilse Härter – Reformerin an Christi Statt

„So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst Euch versöhnen mit Gott.“ (2.Kor 5,20)

Als politische Botschafterin wäre Ilse Härter nicht diplomatisch genug gewesen. Ihre Aufmüpfigkeit hat die kleine, kluge und humorvolle Frau berühmt gemacht. Vielleicht kennen Sie den Namen nicht: Ilse Härter war eine evangelische Theologin, die 1912 in Asperden am Niederrhein geboren wurde und mehr als 100 Jahre alt wurde.

„Bei meiner Einsegnung werde ich nicht anwesend sein“ – das sagte sie 1939 ihrem Mentor Dr. Hesse ins Gesicht. Ein starkes Stück für eine junge Vikarin. Was war der Anlass? Sie war empört, dass auch in der Bekennenden Kirche, zu der Ilse Härter gehörte, Frauen nicht ordiniert wurden, sondern nur eine Einsegnung bekamen. Sie war die einzige, die diese Einsegnung verweigerte und nach vollem Theologiestudium und Vikariat darauf bestand, in gleicher Weise Botschafter an Christi Statt zu sein wie ihre männlichen Kollegen und durch die Ordination zum Pfarramt zugelassen zu werden. Das wurde ihr verweigert. Aber ihre Hartnäckigkeit wurde belohnt: Nachdem sie in verschiedenen Gemeinden Pfarrer vertreten hatte, die zum Kriegsdienst eingezogen waren, wurde sie 1943 in der Brandenburgischen Bekennenden Kirche als erste Frau zusammen mit Hannelotte Reiffen ohne Einschränkung ordiniert. Die beiden blieben für lange Zeit die einzigen.

Ilse Härter ist eine Reformerin der Kirche des 20. Jahrhunderts. Sie trat für die Frauenordination und das volle Pfarramt für Frauen ein. Den Konflikt scheute sie auch dann nicht, wenn nicht nur ihre berufliche Zukunft, sondern Leib und Leben in Gefahr gerieten: Sie verweigerte 1941 den Hitler-Eid und leistete den Arier-Nachweis nicht, was zur Entlassung aus ihrem Dienst in der Gemeinde Berlin-Wannsee führte.

Ilse Härter ist ihr Leben lang ihrem Gewissen und ihren theologischen Überzeugungen furchtlos gefolgt, ganz im Sinne von Luthers: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“.

Zwei Weltkriege hat sie erlebt. Als Schulpfarrerin nach dem 2. Weltkrieg engagierte sie sich in zahlreichen Friedens-, Begegnungs- und Versöhnungsprojekten. Bis ins hohe Alter arbeitete sie wissenschaftlich die Zeit des Nationalsozialismus und die Rolle der Kirchen auf.

Lasst Euch versöhnen mit Gott! Der Einsatz für Frieden und Versöhnung, für Gerechtigkeit – das hat nichts mit Harmonie oder Nachgeben zu tun. Wenn wir wie Ilse Härter Botschafterinnen und Botschafter an Christi Statt werden und für Versöhnung eintreten, dann gehören auch mal deutliche Worte dazu, offener Widerspruch gegen falsche und gefährliche politische Parolen. Dann dürfen wir auch mal aus der Rolle fallen und etwas tun und sagen, was niemand von uns erwartet. Hätte Ilse Härter, hätten andere Reformatoren und Reformatorinnen unserer Kirche nur in ihrem eigenen Namen gesprochen, so wäre ihre Stimme wohl verklungen. Als Botschafterin an Christi Statt, die eintritt für die Versöhnung, wurde Ilse Härter eine Vorkämpferin für die Frauen im Pfarramt, eine Symbolfigur des Widerstands gegen Hitler.

„So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst Euch versöhnen mit Gott.“ (2.Kor 5,20)
Ich lese den Vers aus dem 2. Korintherbrief neu, wenn ich an das bewegte Leben dieser mutigen Frau denke: Sich für die Versöhnung einzusetzen, heißt nicht immer mit sanfter Stimme zu sprechen. Und Botschafter oder Botschafterin an Christi Statt zu sein, ist kein Ehrentitel, auf dem ich mich - oder irgendwer sich - ausruhen könnte: Die Botschaft Christi bringt in Gefahr und macht nicht immer beliebt, aber dennoch bleibt es ja unsere Botschaft und die wollen wir mutig weitersagen: Lasst Euch versöhnen mit Gott. Amen. (Irene Diller)

(in: Evangelische Frauenhilfe im Rheinland (Hrsg.). Andachten 2017. Reformation - Kraft und Mut zur Erneuerung. 24 Andachten durch das Kirchenjahr)

Gebet

Guter Gott,
lieber bleibe ich in der zweiten Reihe
und wenn es Streit gibt, möchte ich nicht gerne dabei sein.
Wenn Menschen aber verlacht, geschlagen und vertrieben werden,
dann bist du, Gott, an ihrer Seite.
Gib mir den Mut, mich dann zu dir zu halten
und deine Botschaft der Versöhnung weiterzusagen.
Amen.

Liedvorschläge

Sonne der Gerechtigkeit (eg 262,1.5.7)
Wie ein Fest nach langer Trauer, so ist Versöhnung (Lieder zwischen Himmel und Erde 298)