Andacht im November 2017

Wibrandis Rosenblatt – Mehr als Kinder, Küche, Kirche

„Welcher von beiden ist größer: wer bei Tisch sitzt oder wer bedient? Natürlich der, der bei Tisch sitzt. Ich aber bin unter euch wie der, der bedient.“ (Lukas 22,27)         

Kennen sie noch das „KKK“? „Kinder, Küche, Kirche“, die drei Attribute einer guten bürgerlichen Ehefrau. Und wem haben wir das zu verdanken? Den Reformatoren. Die Klöster als Horte der Wissenschaften – auch für Frauen – wurden aufgelöst, der Familienstand „Single“ bekam das Siegel: Gott will das nicht. Lange erklärt Luther in seinem Buch zum Ehestand, dass in der Schöpfung Mann und Frau gleichwertig angelegt seien, sich alle Arbeit zu teilen hätten. Und dann fügt er hinzu: das alles unter dem Vorbehalt, dass die Frau dem Mann zu gehorchen habe. Solche und ähnliche Gedanken mögen dazu beigetragen haben, dass Frauen, bibelfest, hoch gebildet und hoch musikalisch, ihr ganzes Können in Kochtöpfe, Kinderwickeln und Dienste an den Armen steckten. Besonders die Vorbilder im Amt: die Pfarrfrauen. Sie mussten so gebildet sein, dass sie notfalls ihre Ehemänner auf der Kanzel mit einer Andacht vertreten konnten. Sie mussten so gute Wirtschafterinnen und Köchinnen sein, dass sie neben einer großen Kinderschar auch Flüchtlinge und Notleidende verköstigen konnten. Daneben waren sie Revolutionärinnen, heirateten Priester und stritten damit gegen das Ehelosigkeitsgebot der römischen Kirche. Sie kümmerten sich nicht nur um die eigenen Kinder, sondern auch um die Waisen der Geschwister, die in die Ehe mitgebrachten und die verlassenen Kinder. So auch Wibrandis Rosenblatt, Ehefrau eines Humanisten und dann in Folge gleich dreier großer Reformatoren. Achtzehn Kinder wuchsen bei ihr auf. Wissenschaftler stellen fest, sie habe sich nie schriftlich in das reformatorische Geschehen eingebracht, sondern allein durch ihr diakonisches Tun. Wie auch anders. 26 Ehejahre an verschiedenen Orten in Straßburg, England und der Schweiz an der Seite von vier Ehemännern, die sie alle nacheinander beerdigen musste, ebenso wie eine unbekannte Anzahl Kinder,  bevor sie 46jährig starb und im Münster zu Basel beigesetzt wurde. Sie war Pfarrfrau von Beruf. Ein neues Berufsbild für Frauen, das mehr war als das „KKK“.

Ob Wibrandis Rosenblatt das gefallen hat? Und ob Jesus das gemeint hat, als er sagte: „Welcher von beiden ist größer: wer bei Tisch sitzt oder wer bedient? Natürlich der, der bei Tisch sitzt. Ich aber bin unter euch wie der, der bedient.“ (Lk 22,27). Gott sei Dank sagte das ein Mann von sich selbst und gab damit den Männern ein Beispiel. Es mag typisch für Frauen sein, dass sie sich schnell in der dienenden Rolle wiederfinden. Überlassen wir doch einmal den Männern diesen Part. Luther sagte: Männer sind gleichwertig wie Frauen. So gibt es beide Rollen: das Dienen und das Zu-Tisch-Sitzen. Und Jesus fügt hinzu: Obwohl ich hier bei Tisch sitze und damit größer zu sein scheine als der, der bedient, bin ich doch wie ein Diener mitten unter euch. Dabei hat Jesus den Blick schon auf sein Leiden gelenkt. Er wird den Menschen dienen, wenn er seinen Leidensweg ans Kreuz gehen wird. An anderer Stelle fügt Jesus hinzu, dass es keine größere Liebe gäbe, als sein Leben für den Freund zu lassen. Dienen und Lieben liegen nebeneinander, aber auch Lehren und Herrschen. Alles ist gleichermaßen dem Menschen eigen, den Großen der Welt und den Unbeachteten, Männern und Frauen. Tue ein jeder, was gerade nötig ist als Diener und Herr.

Vielleicht ist Wibrandis genau diesem Wort Jesu gefolgt. Sie tat was notwendig war. Ihr Ehemann, der Reformator Johannes Oekolampad, schwärmt von ihr, sie sei in Christus einigermaßen gründlich unterrichtet und besorge den Haushalt eifrig, genau wie er es gewünscht habe.

Vieles hat die Frauenbewegung seither weiterentwickelt, neue Lebensformen sind für Männer und Frauen entstanden. Doch tut es Not, immer wieder der jungen Generation weiterzusagen, dass ihre Wahlfreiheiten nicht selbstverständlich sind. Frauengleichheit und Geschlechtergerechtigkeit sind Themen, keine Wörter. Und Themen wollen bearbeitet werden. Ermutigen wir die Jungen, dranzubleiben an den Rollenbildern des Lebens, den alten und neuen und noch nicht erdachten. (Jutta Grashof)

(in: Evangelische Frauenhilfe im Rheinland (Hrsg.). Andachten 2017. Reformation - Kraft und Mut zur Erneuerung. 24 Andachten durch das Kirchenjahr)

Gebet (eg 825)

Herr Jesus Christus,
ich habe einen so großen Schatz empfangen,
der bleibt da bei mir liegen und ruhen,
das klage ich dir.
Hast du mir den Schatz gegeben und geschenkt,
so gib auch, dass er Frucht in mir bringe,
mein Wesen ändere und sich auswirke
gegenüber meinen Nächsten. Amen.
(Martin Luther, 1524)

(Alternative: eg 881)

Liedvorschlag

Führe mich, o Herr, und leite meinen Gang nach deinem Wort  (eg 445,5)