Andacht im Mai 2018

Wo Himmel und Erde sich berühren

Psalm 36

„Mal deine Wünsche in den Himmel“ – so beginnt ein Gedicht von Gerda Anger-Schmidt.
Ich stelle mir vor, wie ich an einem schönen, warmen Maitag von meinem Liegestuhl aus in den Himmel gucke. Alles, was ich mir wünsche, wonach ich mich sehne, schreibe ich in den Himmel. Weniger Besserwisserei und eine gute Erdbeerernte, mehr Großherzigkeit und weniger Einsamkeit, mehr Mut beim Reisen und morgens Waffeln zum Frühstück. Die Liste wird lang. Ich denke an meine Familie, Nachbarn und Freundinnen. Wenn ich hier und jetzt eine Welt in den Himmel malen könnte... eine Welt ohne Waffen, ohne Hungersnot und Dürre, ohne Krebs und Aids und der Angst davor, ohne Flüchtlinge, die keiner will und Menschen, die sich an all das gewöhnt haben. „So ist es eben. Da kann man nichts machen.“

Ein Psalmbeter liegt auf einer frühsommerlichen Wiese und richtet den Blick in den Himmel. Was er sieht – auf der Erde und was der Himmel ihm verspricht, können wir im 36. Psalm lesen (Bibel in gerechter Sprache):

1 Für die musikalische Aufführung. Von David, der der Ewigen dient.
2 Spruch der bösen Tat über die,
die Gewalt verüben, im Inneren meines Herzens:
Es ist kein Erschrecken vor der Gottheit in ihren Augen.
3 In ihren Augen schmeichelt es ihnen,
schuldig zu werden, zu hassen.
4 Die Worte ihres Mundes sind Unheil und Hinterlist,
sie haben aufgehört, verständig zu handeln, Gutes zu tun.
5 Unheil denken sie sich aus auf ihren Liegen,
begeben sich auf einen Weg, der nicht gut ist.
Böses verachten sie nicht.
6 Ewige, bis über den Himmel hinaus
reicht deine Freundlichkeit,
deine Verlässlichkeit bis zu den Wolken.
7 Deine Gerechtigkeit ist wie die Berge der Gottheit,
dein Recht ein tiefes Meer.
Mensch und Tier befreist du, Ewige.
8 Wie kostbar ist deine Freundlichkeit!
Götter und Menschen bergen sich im Schatten deiner Flügel.
9 Sie sättigen sich an der Fülle deines Hauses.
Vom Bach deiner Freude lässt du sie trinken.
10 Denn bei dir ist die Quelle des Lebens.
In deinem Licht sehen wir Licht.
11 Deine Freundlichkeit lass andauern bei denen, die dich kennen,
deine Gerechtigkeit bei denen, die geraden Herzens sind.
12 Der Fuß der Hochmütigen möge nicht zu mir kommen,
die Hand derer, die Gewalt verüben, möge mich nicht verjagen.
13 Da! Gefallen sind die, die Unheil tun.
Niedergeworfen wurden sie, sie können nicht wieder aufstehen.

Menschen, die das Böse lieben, die keinerlei Unrechtsempfinden haben, die den „lieben Gott einen guten Mann sein lassen“ und denen das Böse Spaß zu machen scheint: „In ihren Augen schmeichelt es ihnen, schuldig zu werden, zu hassen.“ (V.3) Sie bedrohen das Leben anderer, zerstören was gut und richtig ist.

Dagegen malt der Psalmbeter Bilder von Gott in den Himmel. Gott, die Ewige, die die Menschen ernährt, die, die Freundlichkeit, Verlässlichkeit und Gerechtigkeit ist. Deren Güte weiter ist als der Himmel, und deren Gerechtigkeit weiter geht als die Wolken ziehen. Sie ist die Quelle des Lebens. In ihrem Licht erkenne ich das Licht.
Gott überstrahlt alles. Unter Gottes Flügeln finde ich Zuflucht, Gottes Quelle erfrischt mich und stärkt mich. Menschen und Tiere befreit die Ewige.

Während ich auf meiner Liege liege und in den frühsommerlichen Himmel gucke, kann ich mir diese Bilder sehr gut auch an meinem Himmel vorstellen. Ich empfinde dieses Bild, das der 36. Psalm zeichnet, als tröstlich. Aber es ist für mich keine Vertröstung auf ein Jenseits, auf ein „irgendwann kann es so sein“. Vielmehr ist es eine Handbreit von mir entfernt, nur einen Sprung aus mir heraus greifbar und gibt mir das Gefühl von Geborgenheit – wie es in dem Lied „Weißt du wo der Himmel ist“ besungen wird. Die Welt, die der Psalmbeter malt, scheint zum Greifen nah.
Daraus entsteht für mich auch Trotz. Es kommt daraus eine Energie, Dinge in dieser Welt zu ändern, nicht zu den „Da kann man ja nichts machen“-Anhängerinnen zu gehören.

„Kennt ihr diese unbeirrbaren Kinder, die wider alle Argumente immer das letzte Wort haben? So ist Ostern.“, schreibt Susanne Niemeyer (freudenwort.de).
Ostern ist noch nicht allzu lange her. Das österliche „trotzdem“ schwingt noch mit, wenn ich Himmel und Erde so betrachte. Krasser als der Gegensatz von Karfreitag und Ostern kann es nicht sein. Verfolgung, Gewalt und Tod stehen Auferstehung und neuem Leben gegenüber. „Trotzdem“ sagt unbeirrbar der Ostermorgen und nichts ist mehr, wie es gerade noch schien.

Das von Menschen gemachte Dunkel und Unrecht der Welt und die Rettung durch Gott, die Licht und Leben ist, stehen sich in Psalm 36 gegenüber. Sie treffen aufeinander. Der Beter bittet darum, dass Gottes Freundlichkeit denen nahe bleibt, die reinen Herzens sind und dass ihn das Böse nicht treffen und verjagen wird. In einem einzigen kurzen Satz hält er fest, dass Gott schon längst gesiegt hat. Als würde er aus seinem Tagtraum in den Wolken erwachen und feststellen, dass Gottes Himmel schon längst die Erde berührt hat. Diesen Wunsch male ich auch noch in meinen Himmel. (Katrin Wüst)

(in: Evangelische Frauenhilfe im Rheinland (Hrsg.), Andachten 2018. Psalmen - Orientierung im Glauben. 24 Andachten durch das Kirchenjahr)

Gebet

Gott,
dein Himmel soll sich über uns ausstrecken
deine Wolken sollen Liebe und Gerechtigkeit auf uns herabregnen!
Unerträglich ist der Zustand unserer Welt
nicht länger hinnehmbar
tolerierbar
keinen Moment länger auszuhalten.
Das Unrecht schreit zum Himmel.
Deine Freundlichkeit und deine Freiheit brauchen wir.
Hier und jetzt sollen sich Himmel und Erde berühren.
Amen.

Liedvorschläge

„Der Himmel, der ist, ist nicht der Himmel, der kommt“ (EG 153)
 „Da berühren sich Himmel und Erde“ (Wortlaute Nr. 90)
„Da wohnt ein Sehnen tief in uns“ (Wortlaute Nr. 85)
„Weißt du wo der Himmel ist“ (Lieder zwischen Himmel und Erde Nr. 13)