Andacht im Oktober 2017

Die Reformation erneuerte Kirche und Gesellschaft

„So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ (Röm 3,28)

Wenn wir in diesem Jahr 2017 „500 Jahre Reformation“ feiern, dann geschieht das in einer Zeit, in der „Glaube“ fast zu einem Fremdwort geworden ist. Was zählt ist „Wissen“ und „Haben“, Wohlstand und Geld. Vor diesem Hintergrund scheinen die Unterschiede zwischen römisch-katholisch und evangelisch kaum noch von Bedeutung. Die Frage nach dem Glauben und was er an Gewinn bringt, wird an alle Kirchen gestellt.
Daher ist es Zeit zu fragen, um was es ging, als mit den 95 Thesen von Martin Luther die Reformation begann.
Auslöser für den Thesenanschlag Luthers war der Ablasshandel, der betrieben wurde, weil der Papst den Petersdom bauen und finanzieren wollte. Der Vorwurf Luthers war, dass dadurch das Heil der Seele und der Glaube zu einer Ware wurden, die man kaufen konnte. Das war frei nach dem Motto: „Was man Schwarz auf Weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen“. Für die Reformatoren war klar, dass man das Heil nicht kaufen kann.

Die Basis für die Reformatorische Grunderkenntnis fand Martin Luther in dem Vers aus dem Römerbrief 3, 28: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“

Dabei ist zu fragen, was das bedeutet „gerecht“ zu sein. In der griechischen Philosophie wurde formuliert, dass es „gerecht“ sei, „jedem das Seine zukommen zu lassen“. Im Alten Testament fordern die Propheten, „gerecht“ zu sein und dabei Rücksicht zu nehmen auf die Witwen und Waisen und auch auf die Fremden  im Land. In unserem Leitvers kann man „gerecht sein“ übersetzen mit „würdig“ und „angesehen“ sein. Man könnte „gerecht werden“ auch übersetzen mit „glücklich werden“.
Aber: Dazu helfen alle Güter und alles Geld nicht, auch nicht alle  Anerkennung durch andere Menschen. Der Besitz von Gütern macht nicht, dass Menschen teilen und sich dafür einsetzen, dass denen, die arm sind, ihr gerechter Anteil zukommen sollte. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Menschen dadurch „glücklich“ werden. Im Gegenteil: Wir erleben es in unseren Tagen wie gut verdienende Funktionäre immer mehr haben wollen.

Im Römerbrief las Luther, dass „gerecht werden“ „allein aus dem Glauben“ kommt. Dabei hat er das Wort „allein“ (lateinisch:„sola“) hier eingefügt. Das wurde ihm natürlich von seinen Gegnern angekreidet. Er war überzeugt, dass kein Mensch sich selber „gerecht“ machen kann. In einer neueren Übersetzung kommt das zum Ausdruck, wenn es heißt, der Mensch sei „gerecht“ oder „würdig“ oder „glücklich zu nennen“, „der sich auf das verlässt, was Gott durch Jesus Christus getan hat“ (Gute Nachricht).
Glauben ist allein Gottes Werk. Paul Gerhardt dichtete: „Dem Herren musst du trauen, wenn dir’s soll wohlergehn.“
Dabei will Gott nichts für sich, vielmehr will er geben: Leben und Würde und Glück. Und Luther sagte: „Ein Christ ist nicht der, der viel gebe, sondern der nehme“ – eben alle gute Gabe von Gott dem Herrn. So sollen wir die Güter für uns und andere dankbar annehmen. Martin Luther schrieb in seinen Thesen: „Man muss die Christen lehren: Wenn sie nicht im Überfluss schwimmen, sind sie verpflichtet, das für ihre Haushaltung Notwendige aufzubewahren und keinesfalls für Ablässe zu vergeuden“ (These 46).

Für die Reformatoren stand fest: Weil der Glaube allein Gottes Werk ist, dann sind durch die Taufe alle zu Priestern berufen.
Der Theologieprofessor Hans Iwand (1899-1960) sagte einmal: „Der Glaube eines Theologieprofessors ist nicht besser oder richtiger als der einer Putzfrau“. Für Martin Luther war es wichtig, dass jeder Christ selber die Bibel lesen können sollte und dadurch erkennen würde, was Gott zum Heil des Menschen getan hat. Er forderte die Einrichtung von Schulen. Jeder sollte lesen und schreiben lernen. Seiner Frau Käthe versprach er 50 Gulden, wenn sie – neben aller Arbeit – in sechs Monaten die ganze Bibel lesen würde.

Die Reformation erneuerte Kirche und Gesellschaft. Und heute nach 500 Jahren müssen wir sagen, dass noch viel zu tun ist. Wir sollten uns weiter bemühen, die Bibel zu lesen und zu verstehen. Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist immer noch eine Aufgabe. Eine lutherische Kirche in Osteuropa hat im letzten Jahr beschlossen, die Frauenordination wieder abzuschaffen.
500 Jahre Reformation kann nicht nur eine Jubelfeier sein. Es ist eine Mahnung nach dem Heil Gottes zu fragen für alle Menschen. (Dr. Winfried Wengenroth)

(in: Evangelische Frauenhilfe im Rheinland (Hrsg.). Andachten 2017. Reformation - Kraft und Mut zur Erneuerung. 24 Andachten durch das Kirchenjahr)

Gebet

Herr, unser Gott,
wir bitten, dass wir unsere Würde und unser Glück
nicht in Geld und Gut suchen,
sondern darin, dass wir dir die Ehre geben
und dir glauben und vertrauen.
Segne so unser Reformationsgedenken.
Amen.

Liedvorschläge

Befiehl du deine Wege (eg 361,1-3)
Allein Gott in der Höh sei Ehr  (eg 179)